Auch heute startete der Morgen früh. Um fünf Uhr standen wir auf, um den Sonnenaufgang zu frönen. Theoretisch zumindest, denn dichter Nebel hang über dem Regenwald. Immerhin regnete es nicht. Vom gestrigen Starkregen waren noch immer alle Klamotten klamm. Aber da mussten wir jetzt durch. Also ab zum Pier und raus in die Natur. Auch heute hofften wir wieder viele Vögel und hoffentlich auch wieder ein paar Aras zu sehen.
Wir fuhren mit dem Boot bis zu einem Platz von dem man vermutlich einen tollen Blick auf den Sonnenaufgang hat. Heute war es durch den dichten Nebel eher mystisch als romantisch aber wir machten das Beste draus.
Das Leben im Amazonas erwachte so langsam und wir lauschten den Vögeln und den Froschkonzerten.
Als es hell genug war, fuhren wir ein Stück weiter und begaben uns wieder auf Vogelsuche.
Der erste Vogel, der in unser Blickfeld kam, war mal wieder ein Weißbrusttukan (White-throated toucan, Ramphastos tucanus). Wir sahen diese toll gefärbten Vögel immer wieder gerne und lauschten ihrem Gesang, der durch den Regenwald hallte.
Bis auf ein Rotstirn-Blatthühnchen (Wattled jacana, Jacana jacana) entdeckten wir jedoch keine weiteren Vögel. Auch Aras waren nicht zu sehen oder zu hören. Sehr ruhig am heutigen Morgen. Nicht mal die vielen Geier zogen bei dem dichten Nebel ihre Bahnen über dem Dschungel.
Wir fuhren entlang des Flusses und kehrten gegen kurz vor sieben zurück zur Lodge.
Auf dem Weg vom Pier zum Restaurant sah ich den Gelbkopfkarakara (Yellow-headed caracara, Milvago chimachima), der an der Lodge anscheinend sein Revier hatte.
Wir begaben uns zum Frühstück und hatten bis zur nächsten Ausfahrt um 08:30 Uhr noch etwas Zeit. Daher ging es erstmal zurück aufs Zimmer. Das Wetter war heute leider echt bescheiden.
Während Marcel ein Nickerchen hielt, setzte ich mich auf den Balkon und konnte den Schwarzstirntrappist oder auch Schwarzstirn-Faulvogel (Black-fronted nunbird, Monasa nigrifrons) mit seinem schwarzen Gefieder und dem roten Schnabel beobachten.
Außerdem sah ich einen Fahlkehl-Baumsteiger (Buff-throated woodcreeper, Xiphorhynchus guttatus), der aber so schnell unterwegs war, dass man den Vogel nicht wirklich gut fotografieren konnte.
Immer wieder setzten Regenschauer ein und die Abfahrt der Tour verschob sich auf 09:30 Uhr. Letztendlich verbrachten wir den Vormittag auf den Hängematten und Sesseln im Gemeinschaftsbereich, da es rund eine Stunde durchregnete.
Das die Regenzeit Mitte Mai noch so ausgeprägt sein würde, hätte ich nicht erwartet. Immerhin waren kaum Mücken zu sehen. Wir lasen daher ein wenig und surften im Internet bis es um 12 Uhr das Mittagessen gab. Marcelinho teilte uns mit, dass wir um 15 Uhr wieder zum Birdwatching aufbrechen wollten. Das Wetter würde dann hoffentlich besser sein.
Bis dahin wechselten wir vom Aufenthaltsraum wieder aufs Zimmer, lasen und dösten ein wenig.
Ich beobachtete weiterhin die Tierwelt vom Balkon aus.
Eine kleine Echse kletterte einen Baum hoch und auch der große Leguan war wieder an seinem Stammplatz im Baum.
Ich war generell erstaunt, wie viel um mich herum passierte, denn neben den Echsen gab es auch immer wieder Vögel, die sich in mein direktes Sichtfeld setzten, wie der Trauertyrann (Tropical kingbird, Tyrannus melancholicus), eine Rotachseltaube (Grey-fronted dove, Leptotila rufaxilla), eine Hauxwelldrossel (Hauxwell’s thrush, Turdus hauxwelli) und eine Sonnenralle (Sunbittern, Eurypyga helias).
Der Schwarzstirn-Faulvogel (Black-fronted nunbird, Monasa nigrifrons) erlaubte mir auf kurzer Distanz ihm dabei zuzusehen, wie er sich gekonnt ein Insekt aus der Luft schnappte und fraß.
Ich freute mich ganz besonders über die Sichtung einer Glitzerkehlamarante (Glittering-throated emerald, Amazilia fimbriata), die allerdings im fiesen Gegenlicht saß.
Als die meisten Vögel sich aus dem Staub gemacht hatten, beschloss ich, noch einmal im Garten der Lodge nach Piepern Ausschau zu halten. Immerhin wurde das Wetter deutlich besser. Es hatte aufgehört zu regnen und die Wolken lichteten sich etwas.
Ein Gelbbrauenspecht (Yellow-tufted Woodpecker, Melanerpes cruentatus) zog meine Aufmerksamkeit auf sich.
Auch der Schwefelmaskentyrann (Great kiskadee, Pitangus sulphuratus) war wieder vor Ort.
Um 15:30 Uhr waren wir startklar und liefen hinab zum Pier. Das es heute noch aufklaren und sich sogar die Sonne zeigte, hatten wir so gar nicht erwartet. Umso mehr freuten wir uns auf eine hoffentlich trockene Bootsfahrt und schöne Vogelsichtungen.
Vom Lago Tracajá ging es wieder auf den Rio Tracajá.
Heute cruisten wir auf dem breiten Fluss und fuhren manchmal in ruhigere Buchten ab, um nach Vögeln Ausschau zu halten. Das Wasser lag still und blauer Himmel zeigte sich.
Unser Kapitän bog auch heute wieder in die schmalen Seitenarme des Flusses ab, wo wir Chancen auf Vogelsichtungen hatten.
Die Sichtung eines Hornwehrvogels (Horned screamer, Anhima cornuta) ließ nicht lange auf sich warten, auch wenn der scheue Vogel sofort wegflog als das Boot angefahren kam.
Da war der Blauscheiteltrogon (Blue-crowned trogon, Trogon curucui) deutlich entspannter und im besten Licht konnte ich den Vogel ablichten. Diesmal waren Männchen und Weibchen zu beobachten.
Auch wenn sich die Sichtungen am dritten Tag wiederholten freuten wir uns über jeden einzelnen Vogel, wie den Rallenkranich (Limpkin, Aramus guarauna), den Trauertyrann oder Tukane, die im Amazonasgebiet wirklich häufig zu sichten waren.
Neu hingegen war der Fleckenmaskentyrann (Streaked flycatcher, Myiodynastes maculatus), der uns hoch oben in einem Baum begrüßte.
Die Sonne schien und es wurde angenehm warm. Ein guter Zeitpunkt, um endlich mal die klammen Schuhe zu trocknen. Das Wetter der letzten Tage war echt zum Abgewöhnen gewesen. Aber so ist das halt in der Regenzeit.
Wir durchfuhren ein idyllisches Überflutungsgebiet und Marcelinho zeigte uns aufgeregt einen Speereiher (Agami heron, Agamia agami).
Er ist ein Standvogel und kommt von Mittelamerika bis nach Brasilien und Peru vor. Er bewohnt wasserreiche Wälder und baumbestandene Sümpfe. Jedoch ist er in seinem Verbreitungsgebiet selten. Der Speerreiher wird von der IUCN in der Roten Liste als gefährdet (Vulnerable) geführt. Raritäten entdecke ich ja nicht so häufig. Schön, dass ich den Reiher fotografieren konnte, bevor er abhaute. Extrem scheues Tier.
Unser Ziel war heute der Lago Juma. Über den gleichnamigen Fluss Juma fuhren wir in das Naturschutzgebiet, in dem Rosa-Flussdelphine, Alligatoren (Kaimane), Affen, Faultiere und unzählige Vogelarten zu sehen sein können.
Wir kürzten die Strecke ab, in dem wir wieder mitten durch die überfluteten Gebiete fuhren und sahen einen Fischbussard (Black-collared hawk, Busarellus nigricollis).
Da der Rio Juma sehr ruhig floss, wirkte der Fluss wie ein riesiger, langgezogener See.
Auch den Rotbrustfischer (Ringed kingfisher, Megaceryle torquata) entdeckten wir heute wieder auf einer Stromleitung.
Neu im Repertoire war der Paradiesglanzvogel (Paradise jacamar, Galbula dea), den wir hoch oben im Baum bei nicht gerade schönem Licht beobachteten.
Ganz nah heran ließ uns heute der Kappenreiher (Capped heron, Pilherodius pileatus), den wir in Ruhe bewundern konnten. Ein wirklich toller Vogel.
Auch der Wegebussard (Roadside hawk, Rupornis magnirostris), der Amazonasfischer (Amazon kingfisher, Chloroceryle amazona) und der Nachtreiher (Black-crowned night heron, Nycticorax nycticorax) waren heute zu finden.
Nach rund einer Stunde Fahrt erreichten wir den weitläufigen See. Das Ufer war kaum sichtbar und mit der Landschaft verschwommen.
Unser Kapitän fuhr mit dem Boot zu einem Baum, auf dem zahlreiche Großschnabel-Seeschwalben (Large-billed tern, Phaetusa simplex) saßen.
Der Gabelschwanz-Königstyrann (Fork-tailed flycatcher, Tyrannus savana) saß unbeeindruckt auf einem Baum und ließ sich aus der Ferne fotografieren. Ein Teleobjektiv mit mehr Brennweite hätte im Amazonas wirklich nicht geschadet. Selten waren die Vögel so nah vor der Linse, dass man sie im brauchbaren Licht fotografieren konnte.
Wir fuhren ab vom See zu einem weiteren Touristenboot und konnten Haubenkapuzineraffen beobachten, die über unseren Köpfen durch die Baumwipfel schwangen.
Ein Fahlkehl-Baumsteiger (Buff-throated Woodcreeper, Xiphorhynchus guttatus) suchte in den abgestorbenen Palmenblättern nach Fressbarem.
Wir fuhren zurück auf den See und genossen die Atmosphäre im weichen Nachmittagslicht. Und das beste: Kein Regen mehr in Sicht.
Zeit, sich auf den Rückweg zur Amazon Turtle Lodge zu machen.
Abermals sahen wir einen Rotbrustfischer (Ringed kingfisher, Megaceryle torquata) und Totenkopfäffchen.
Der Tag neigte sich langsam dem Ende und wir hofften natürlich an unserem letzten Abend im Amazonas auf einen Sonnenuntergang.
Wir fuhren über den Juma Fluss, wo hier und da immer ein paar Baumwipfel aus dem Wasser ragten. Unglaublich, wie das hier zur Regenzeit aussah.
Biguascharben (Neotropic cormorant, Nannopterum brasilianum) trockneten ihr Gefieder auf einem Baum und blickten uns misstrauisch entgegen als wir uns ihnen näherten.
Ebenfalls wieder vor Ort war die Schwarzkehltangare (Red-capped cardinal, Paroaria gularis), die man tatsächlich häufiger im Amazonas zu Gesicht bekommt und die man aufgrund ihres auffälligen Gefieders sehr gut erkennen kann.
Die obligatorische Tukansichtung gehörte ebenfalls zum Tagesablauf. Der Weißbrusttukan (White-throated toucan, Ramphastos tucanus) ist aber auch wirklich ein hübscher Vogel.
Wir glitten über den ruhigen Fluss zurück zur Lodge und konnten uns nicht satt sehen an der traumhaften Landschaft.
Und heute bekamen wir auch endlich unseren Sonnenuntergang im Amazonas.
Die untergehende Sonne tauchte den Regenwald in ein wunderschönes, warmes Licht.
Der Himmel spiegelte sich im stillen Wasser und wir kamen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus.
So nah am Äquator dauert der Sonnenuntergang nicht lange und pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die Lodge und ließen den Abend beim Essen im Restaurant und einem weiteren Caipirinha in der Dschungelbar ausklingen.
