Der Tag startete früh. Bereits um 05:30 Uhr wurde das Frühstück im Jaguar Camp im Nord-Pantanal serviert. Gestern Nachmittag waren noch drei weitere Gäste angereist, die aber einen eigenen Guide hatten. Roger – unser Guide – gesellte sich zu uns und wir besprachen kurz den heutigen Tag. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang würden wir auf Jaguarsuche entlang des Rio São Lourenço gehen. Dabei blieben wir ausschließlich auf dem Boot, nur fürs Austreten mussten wir das Buschklo an Land aufsuchen.
Wir warteten daher noch bis das Lunchpaket fertig war und begaben uns gegen 06:15 Uhr zum Pier. Gabriel – unser Kapitän – wartete bereits und zu Viert brachen wir auf.
Capybaras wünschten uns einen guten Morgen.
Die Sonne ging langsam auf und erwärmte die Luft, denn in der Nacht hatte es sich auf rund 18° Celsius abgekühlt. Ich war daher froh, den Fleecepullover angelassen zu haben. Morgen früh würde ich aber auch zur Sicherheit noch meine Jacke mitnehmen. Im Fahrtwind war es nämlich echt frisch.
Wir folgten dem Rio São Lourenço nach Norden und sahen einen Amazonasfischer (Amazon kingfisher, Chloroceryle amazona).
Auch die erste Jaguarsichtung des Tages ließ nicht lange auf sich warten.
Vom Morgenlicht angestrahlt beobachteten wir das majestätische Tier mit nur einem weiteren Ausflugsboot.
Der Jaguar begab sich auf sanften Pfoten hinab zum Wasser und wir hofften, dass er auf Beutefang gehen wollte. Aber er guckte uns nur kurz an und legte sich unter einen Busch.
Wir beobachteten das grazile Tier noch ein wenig und fuhren auf dem Rio São Lourenço weiter in Richtung Norden.
Wir entdeckten ein Marmorreiher-Paar (Rufescent tiger heron, Tigrisoma lineatum) und einen Rubintyrann (Vermilion flycatcher, Pyrocephalus rubinus), der mit seinem auffälligen Gefieder sofort ins Auge stach. Bei dem Jungvogel war das rot allerdings noch nicht so ausgeprägt, wie bei den Altvögeln.
Ein Jabiru-Nest (Jabiru, Jabiru mycteria) zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die großen Storchenvögel sind wirklich beeindruckend.
Nach rund 1,5 Stunden Fahrt wurde es für mich dringend Zeit mal auszutreten. Dafür wurde wie folgt vorgegangen: Wir sagten Roger Bescheid, dass wir mal das Buschklo aufsuchen mussten. Gabriel und er hielten Ausschau nach einer passenden Stelle mitten im Jaguarland. Roger stieg zunächst aus und sah sich um. Er instruierte uns in die Hände zu klatschen, um auf uns aufmerksam zu machen. Menschen sind eigentlich keine Beute von Jaguaren aber eine 100%ige Sicherheit gibt es natürlich nicht. Ich klatschte also ebenfalls in die Hände und suchte mir einen Busch in der Nähe des Bootes. Schon ein komisches Gefühl hier auszutreten, zumal man wusste, dass die Tiere überall hier herumstreunen. Aber frische Spuren hatten wir keine gesehen. Ich beeilte mich und war froh als ich wieder auf dem Boot war.
Wir fuhren weiter entlang des Rio São Lourenço, der noch einiges an Wasser aus der Regenzeit mit sich führte.
Ein Waldstorch (Wood storch, Mycteria americana), den ich zunächst für einen jungen Jaribu hielt, beobachtete uns von einem Ast aus sicherer Höhe.
Die Vogelwelt erwachte langsam zum Leben und Scharen von Gänsen, Reihern und Amerika-Schlangenhalsvögeln flogen über unseren Köpfen hinweg.
Gabriel und Roger entdeckten am Flussufer einen weiteren Jaguar, der uns ebenso anstarrte, wie wir ihn. Der war ja aus dem Nichts aufgetaucht.
Der Jaguar setzte sich für uns in Szene. Kein anderes Boot war weit und breit zu sehen und wir hatten das Tier ganz für uns alleine. Selbst Roger zückte die Kamera und freute sich, dass wir das Tier gesichtet hatten. Was für ein toller Start in den Tag.
Rund 40 Minuten beobachteten wir den Jaguar, der irgendwann die Nase voll hatte, gähnte, aufstand und im dichten Busch verschwand. Während der Zeit im Pantanal hatten wir festgestellt, sobald Jaguare gähnen, stehen sie häufig auf und verschwinden.
Am Himmel zogen zwei Hyazintharas (Hyacinth macaw, Anodorhynchus hyacinthinus) vorbei, die ich allerdings gerade so mit der Kamera ablichten konnte. Leider weit weg und im Gegenlicht aber ich hatte die wunderschönen Vögel, die als „gefährdet“ geführt werden, gesehen. Die weltweit größte Population lebt im Pantanal.
Der Hyazinthara ist ein in Südamerika endemischer Papagei aus der Gattung der Blauaras. Mit bis zu 1,3 kg Gewicht und einer Länge von bis zu einem Meter ist der Hyazinthara der größte flugfähige Papagei der Welt.
Die Fahrt führte weiter entlang des reißenden Flusses, dessen Fließgeschwindigkeit schon beachtlich war.
Während ein Rabengeier (Black vulture, Coragyps atratus) auf einem toten Baum saß und die Morgensonne genoss, sichteten wir einen weiteren Jaguar. Das war ja verrückt.
Das Tier begab sich ins Wasser und wir folgten ihm mit dem Boot.
Auf der anderen Flussseite stieg der Jaguar aus dem Wasser und verschwand im Busch.
Roger vermutete, dass er auf der anderen Seite eventuell wieder herauskommen würde und wir fuhren mit Volldampf zum gegenüberliegenden Flussufer, wo bereits zahlreiche Boote standen. Der Jaguar war also zu sehen 😉.
Allerdings nur kurz und im vollen Gegenlicht, so dass wir nach kurzem Stopp weiterfuhren.
Ich sichtete einen Savannen-Gelbkopfgeier (Lesser yellow-headed vulture, Cathartes burrovianus) in einem Baum.
Gabriel bog mit uns vom Hauptfluss in einen der überfluteten Nebenarme ab, die während der Trockenzeit kein Wasser führen.
Wir sahen zahlreiche Silberreiher (Great egret, Ardea alba), die sofort das Weite suchten, sobald sich das Boot näherte.
Einer hatte einen Frosch im Schnabel, den er natürlich ungern hergeben wollte.
Der Silberreiher flog auf einen Baum und versuchte den Frosch herunterzuwürgen, was aber irgendwie nicht so richtig klappen wollte.
Wir beobachteten den Vogel eine Weile, bis er inklusive Beute ins tiefere Sumpfland verschwand.
Auch der Rotbrustfischer (Ringed kingfisher, Megaceryle torquata) war wieder vor Ort.
Wir folgten dem Rio São Lourenço flussaufwärts und hielten Ausschau nach Tieren.
Ein Cocoireiher (Cocoi heron, Ardea cocoi) zog unsere Aufmerksamkeit auf sich.
Nur wenige Meter weiter gab es erneut Jaguaralarm. Wir gesellten uns zu dem anderen Boot und beobachteten das imposante Tier, dass sich in den Schatten gelegt hatte. Unglaublich, schon die fünfte Sichtung für heute. Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet. Und immer wieder waren wir aufs Neue beeindruckt. Langweilig wurde es nicht, die Jaguare zu zusehen.
Wir fuhren weiter flussaufwärts bis zu einer riesigen Sandbank, wo sich zahlreiche Wasservögel und Kaimane versammelt hatten.
Amerikascherenschnabel (Black skimmer, Rynchops niger), Großschnabel-Seeschwalben (Large-billed tern, Phaetusa simplex), Schlankschnabel-Regenpfeifer (collared plover, Anarhynchus collaris), Schwarznachken-Stelzenläufer (Black-necked Stilt, Himantopus mexicanus) und Rotstirn-Blatthühnchen (Wattled jacana, Jacana jacana) nannten die Sandbank ihr zu Hause.
Einer der Kaimane hatte sich ins seichte Wasser gelegt und reckte seinen Kopf in die Sonne.
Mit geöffnetem Maul wartete er auf etwas zum Fressen.
Begeistert sah ich einen Rosalöffler (Roseate spoonbill, Platalea ajaja), der jedoch schon wieder auf dem Sprung war als ich die Kamera auf ihn ausgerichtet hatte. Roger sagte uns, dass die Vögel in der Trockenzeit in großer Anzahl zu sehen sind aber Anfang Juni noch nicht so häufig auftauchen.
Nach rund 5,5 Stunden auf dem Boot mussten wir mal wieder austreten. Wir gaben Roger Bescheid und er suchte eine geeignete Stelle zu anlanden.
Der Boden war durch den Rückgang des Wassers stark aufgeweicht und wir versanken mit dem halben Schuh im Matsch. Roger sah sich wieder um und zeigte uns einen frischen Tatzenabdruck des Jaguars. Das Tier war also wohl hier in der Nähe gewesen… Wir klatschten, um auf uns aufmerksam zu machen und hofften, dass der Jaguar nicht mehr hier herumstreunte.
Wir beeilten uns und gingen zurück aufs Boot. Ein komisches Gefühl war das schon zu wissen, dass wir mitten im Jaguarland waren und ein Tier jederzeit auftauchen konnte. Unsere Nachfrage, ob es schon mal vorgekommen war, dass ein Jaguar den Toilettengang von Touristen überrascht hatte, konnte Roger bejahen. Passiert war aber nichts, denn Jaguare verschwanden in der Regel wieder wenn sie auf Menschen trafen. Aber eine Garantie gibt es natürlich nicht, da die Tiere in freier Wildbahn leben.
Flussaufwärts ging die Fahrt weiter durch die Savannenlandschaft.
Wir sahen ein Jabiru-Pärchen (Jabiru, Jabiru mycteria) als Gabriels Funkgerät rauschte. Jaguaralarm!
Mitten auf dem Fluss wendete er und bretterte zum Spot, an dem sich schon zahlreiche Boote versammelt hatten.
Der Jaguar lag faul im Halbschatten und störte sich kein bisschen an den Booten, von denen einige am Ufer ankerten. Lunchtime mit Ausblick.
Für uns gab es keinen freien Platz mehr, so dass wir weiterfuhren und nach einem geeigneten Platz fürs Mittagessen Ausschau hielten.
Da wir keinen Schattenplatz fanden, richtete Roger das Sonnenverdeck auf. Mittlerweile war es ganz schön warm geworden und die Sonne schien erbarmungslos auf uns nieder.
Wir unterhielten uns während des Essens und hielten nebenbei Ausschau nach Tieren. Zu sehen war nichts und nach rund einer Stunde ging die Fahrt weiter.
Zahlreiche Kaimane hatten sich am Ufer des Flusses versammelt, dessen Wasserstand langsam sank.
In gemächlichem Tempo fuhren wir durch das Feuchtgebiet und sahen einen grünen Leguan.
Auch Waldstörche (Wood storch, Mycteria americana), Silberreiher (Great egret, Ardea alba) und Schmuckreiher (Snowy egret, Egretta thula) waren in großer Anzahl zu sehen. Was für ein Vogelreichtum.
Wir fuhren entlang eines Nebenarms des Rio São Lourenço, auf dem die Kaimandichte erheblich war. Überall sonnten sich am Ufer die Urzeittiere.
Erneut wendete Gabriel das Boot und fuhr mit Highspeed zu einem Spot, an dem ein Jaguar gesehen worden war.
Als wir ankamen, verschwand der Jaguar jedoch gerade im dichten Unterholz. Wir fuhren noch ein paar Mal am Ufer entlang aber das Tier zeigte sich nicht mehr.
Dem Nachtreiher (Black-crowned night heron, Nycticorax nycticorax) gefiel der Aufruhr nicht und er machte sich ebenfalls vom Acker.
Ein Boot mitten im Fluss zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ein weiterer Jaguar? Nein, Riesenotter!
Mit einer Länge von bis zu zwei Metern ist der Riesenotter das größte Raubtier der Marderfamilie und im Feuchtgebiet des Pantanals zu Hause. Wir freuten uns wie kleine Kinder über die Sichtung, denn in zahlreichen Reportagen über das Pantanal hatten mich nicht nur Jaguare und Hyazintharas begeistert, sondern auch die Riesenotter und ich hatte natürlich darauf gehofft, die flinken Tiere zu beobachten.
Insgesamt waren 6 Tiere vor Ort, die ihren Bau hier hatten.
Vier kleine Otter spielten im Wasser, während einer der größeren Otter die matschige Uferwand hinaufsprang und im Bau verschwand.
Das andere größere Tier achtete auf die kleineren und schwamm voraus.
Die Riesenotter schwammen immer wieder hin und her und gaben laute Geräusche von sich. War das toll.
Rund 20 Minuten fuhren wir mit den Tieren den Fluss entlang und beobachteten sie.
Als sich weitere Boote versammelten, nahmen wir Abschied und fuhren flussabwärts in bereits bekannte Gewässer.
Ein juveniler Nachtreiher (Black-crowned night heron, Nycticorax nycticorax) hatte sich im besten Licht für ein Foto in Pose gesetzt. Die Vögel sind allerdings extrem scheu und boten meist nur eine Möglichkeit für ein Foto.
Wir genossen die nachmittägliche Fahrt durch das Nord-Pantanal und sahen erneut einen Marmorreiher (Rufescent tiger heron, Tigrisoma lineatum).
Auf einer Sandbank hatte es sich ein Kaiman gemütlich gemacht.
Ein roter Schmetterling leistete dem Tier Gesellschaft. Im Schweiß, Urin und in den Tränenflüssigkeiten der Reptilien sind lebenswichtige Mineralien und Salz enthalten, die die Schmetterlinge aufnehmen. Kaimane stören sich meist nicht an den Insekten und verharren regungslos am Ufer.
Beim Näherkommen des Bootes flüchtete der Kaiman jedoch in den Schutz des Wassers.
Besser für die Capybara-Familie, die sich ebenfalls auf der Sandbank befand.
Ein letzter Jaguar-Ruf ließ uns wieder mit Höchstgeschwindigkeit aufbrechen.
Das Tier lag jedoch im Schatten hinter Bäumen versteckt und war nicht gut zu sehen. Aber wir hatten einen weiteren Jaguar gesichtet. Wie viele waren es heute? 7? Die Ausbeute konnte sich sehen lassen.
Der Tag neigte sich dem Ende und wir fuhren über den breiten Fluss auf der Suche nach einem weiteren Jaguar.
Ein Cocoireiher (Cocoi heron, Ardea cocoi) mit einem großen Fisch im Schnabel flog an uns vorbei.
Wir folgten dem Vogel und hofften, dass er sich hinsetzte und den Fisch verspeiste. Unser Boot war ihm aber nicht geheuer und er verschwand im dichten Unterholz.
Die Abendsonne tauchte die Umgebung in ein goldenes Licht und wir genossen einen weiteren traumhaften Tag im Pantanal.
Wieder einmal erwartete uns auf der Rückfahrt zum Camp ein wunderschöner Sonnenuntergang.
Gabriel fuhr langsamer, damit wir Fotos und Videos machen konnten.
Was für ein ereignisreicher Tag. Nur die vielen Viecher, die bei Einbruch der Dunkelheit über das Wasser schwirrten, waren nervig. Ich zog meinen Hut ins Gesicht und mit Höchstgeschwindigkeit fuhren wir zurück nach Porto Jofre.
Zusammen mit Roger liefen wir durch den Wald zurück zum Camp und sahen erneut eine Schlange. Diesmal allerdings nur eine kleine.
Bis zum Abendessen hatten wir noch eine Stunde Zeit, die wir mit einer Dusche und ein wenig Erholung verbrachten.
Wir trafen uns mit Roger und besprachen den nächsten Tag, den wir ebenfalls wieder komplett auf dem Wasser verbringen wollten. Inklusive Lunch unterwegs und Buschklo. Abfahrt war wieder um 06:00 Uhr morgens.
Der verbleibende Abend war daher kurz und müde begaben wir uns zu Bett, wo wir mit dem Zirpen der Grillen schnell einschliefen.
