Wenn man nach Brasilien reist, gehört ein Besuch der Amazons-Region natürlich mit dazu. Im Amazonasgebiet um Manaus gab es zahlreiche Lodges und die Auswahl war uns nicht leicht gefallen. Wir wollten keine Lodge, die zu nah an Manaus dran lag, da wir ja zumindest das Feeling Regenwald erleben wollten aber sie sollte trotzdem nicht allzu aufwendig erreichbar sein und natürlich auch bezahlbar. Von günstig über teuer bis Luxus lässt sich alles finden. Die Amazon Turtle Lodge gefiel uns am besten und war mit 1.700 Euro für zwei Personen und für die Vier-Tage-Birdwatching Tour auch erträglich. Es gab noch einige weitere Touren, bei denen man bspw. auch im Dschungel übernachten und mit einem Kayak paddeln kann aber für uns waren Natur, Vogelbeobachtung und ein richtiges Bett wichtig. Mitten im Dschungel in einer Hängematte zu übernachten, hat bestimmt seinen Reiz aber man wird ja auch älter und gewisse Dinge müssen wir nicht mehr machen 😅. Die spezielle 4-Tage 3-Nächte Birdwatching-Tour hatten wir bereits vorab beim Anbieter Maia Expeditions gebucht.
Wirklich gut geschlafen hatten wir nach der gestrigen chaotischen Anreise mit Latam und der kurzen Nacht nicht. Außerdem wurden wir durch ein lautes Donnern geweckt. Der Mai ist das Ende der Regenzeit im Amazonas. Zum Glück zog das Gewitter nach dreimaligen Grollen weiter.
Wir standen um halb sieben auf und packten unsere Klamotten für die nächsten vier Tage zusammen. Das komplette Gepäck wollten wir nicht mitnehmen. Das konnten wir beim Anbieter Maia Expeditions zwischenlagern.
Um 7:45 Uhr wurden wir durch einen Guide und einen Fahrer in der Hotellobby abgeholt. Dort bezahlten wir auch noch den ausstehenden Rechnungsbetrag für die Tour. Nach kurzer Vorstellung ging es auch schon los.
Wir holten noch einen weiteren Gast ab und begaben uns an die rund 3 stündige Anreise zur Amazon Turtle Lodge.
Die Lodge lag nicht direkt am Hauptstrom des Amazonas, sondern befand sich in einem Naturschutzgebiet am Fluss Rio Tracajá und dem gleichnamigen See Lago Tracajá. Die Lodge lag ungefähr 100 Kilometer südwestlich von Manaus und in der Nähe des Mamori-Flusses. Bei Niedrigwasser muss man übrigens an einer Sandbank aussteigen und das letzte Teilstück zu Fuß durch den Regenwald bis zur Amazon Turtle Lodge wandern. Das stand uns in der Regenzeit nicht bevor.
Zunächst wurden wir mit dem Auto zum Hafen von Ceasa gebracht.
Wir stiegen in ein quietschpinkes Schnellboot um und unser Guide zeigte uns noch den Zusammenfluss des Rio Negro und des Amazonas, der durch die unterschiedliche Farbe der beiden Flüsse gut zu erkennen war. Der Amazonas wechselt auf seinem Weg von den Bergen bis zum Meer tatsächlich mehrmals seinen Namen. Je nachdem, durch welches Land oder durch welche Region er fließt, wird der Hauptstrom ganz unterschiedlich benannt. In Brasilien heißt er Rio Solimões.
Ab diesem weltbekannten Zusammenfluss heißt der Fluss bis zu seiner riesigen Mündung im Ozean endgültig Amazonas.
Warum sich die Flüsse nicht einfach vermischen, sondern erstmal parallel zueinander verliefen, erklärte uns unser Guide ebenfalls. Dies liegt an den Sedimenten und der somit unterschiedlichen Dichte des Wassers, der Fliessgeschwindgkeit und der Temperatur des Wassers. Der Amazonas war kühler als der Rio Negro.
Der Kapitän fuhr durch den Zusammenfluss und wir konnten selbst fühlen, wie unterschiedlich die Temperatur war. Spannend.
Wir ließen den Ort hinter uns und fuhren über den Rio Solimões zum Hafen von Careiro da Várzea, den wir nach 25 Minuten erreichten und in ein Auto umstiegen.
Ein alter VW T1 brachte uns mit kurzer Pinkelpause an einem großen Supermarkt in 1,5 Stunden zum kleinen Arara-Hafen, wo der Landweg endete.
Wenn man sich fragt, wo die ganzen alten T1 Modelle zu finden sind, dann sollte man sich in den Amazonas begeben.
Die 9 Kilometer entlang einer matschigen Piste läuteten das Abenteuer Amazonas ein.
Am Hafen stiegen wir erneut in ein Schnellboot um und bretterten über den Rio Mamori zur Lodge mitten im Nirgendwo.
25 Minuten Fahrt lagen vor uns und wir bekamen einen ersten Eindruck vom Regenwald, der seinem Namen heute noch keine Ehre machte.
Wir sahen zahlreiche Geier, die am Himmel kreisten und genossen die Fahrt in den Regenwald.
Um 11:30 Uhr kamen wir an der Lodge an, erhielten den Schlüssel und konnten unser neues zu Hause für die nächsten vier Tage beziehen.
Die kleine Holzhütte war sauber und hatte einen Balkon mit Blick auf das Wasser.
Es war sehr klamm und feucht, was aber aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit zu erwarten war. Zum Glück hatte die Hütte eine Klimaanlage.
Neben uns zog der Gast ein, der mit uns gefahren war. Ein weitgereister Amerikaner namens Harvey aus Kalifornien. In den nächsten Tagen würden wir uns viel zu erzählen haben.
Um 12 gab es Mittagessen und wir begaben uns zu Tisch. Mit uns war nur noch eine weitere Gruppe vor Ort, die aber heute abreisten. Die Regenzeit ist nicht die Hauptreisezeit in Amazonasgebiet und während unseres Aufenthalts kamen erst am Abreisetag zwei weitere Gäste zur Amazon Turtle Lodge.
Das Buffet wurde eröffnet und wir konnten einen Happen essen. Das tat gut, denn gefrühstückt hatten wir noch nicht.
Unser Guide Marcelinho, der uns die nächsten Tage durch den Amazonas begleiten würde, kam zu uns und sagte, dass wir um 15 Uhr zur ersten Tour aufbrechen würden. Wir hatten daher noch rund 2 Stunden Zeit zum entspannen und sahen uns etwas in der Lodge um.
Es gab sogar einen Pool aber das Wetter lud nicht unbedingt zum Baden ein.
Wir chillten ein wenig in den Hängematten im gemeinsamen Aufenthaltsraum und setzten uns noch ein wenig auf den Balkon unserer Hütte, wo wir direkt einen Leguan im Baum erspähten.
Da Marcel noch ein wenig Schlafen wollte, sah ich mich auf dem Gelände der Lodge nach Vögeln um und sah eine schwarz-rote Maskentangare (Masked crimson tanager, Ramphocelus nigrogularis) und einen männlichen Blaukopfpitpit (Turquoise honeycreeper, Dacnis cayana). Das fing ja vielversprechend an. Jetzt noch Scharlacharas und der Tag wäre perfekt.
Die Sonne kam raus und wir freuten uns auf die erste Tour. Gestern hätten wir nicht gedacht, dass wir es noch pünktlich zum Tourstart schaffen würden. Heute war alles vergessen.
Auf dem Weg zum Pier der Lodge entdeckten wir einen Gelbkopfkarakara (Yellow-headed caracara, Milvago chimachima), der häufiger auf dem Gelände anzutreffen war.
Marcelinho und unser Kapitän warteten am Pier auf uns und wir konnten direkt einsteigen. Mit uns war niemand an Bord. Der Amerikaner hatte eine andere Tour gebucht und daher einen eigenen Guide.
Mit dem kleinen Schnellboot ging es zunächst über den Lago Tracajá zum Flusslauf des Rio Tracajá. Kaum zu glauben, dass die Lodge an einem See lag und nicht an einem Fluss. Und dass das Gebiet zur Trockenzeit kein Tropfen Wasser führt.
Wir sichteten zahlreiche Vögel, wie die Cayenneschwalbe (White-winged swallow, Tachycineta albiventer), die Schwarzkehltangare (Red-capped cardinal, Paroaria gularis) und den Liktormaskentyrann (Lesser Kiskadee, Philohydor lictor). Auf die Vögel sollten wir noch häufiger treffen.
In der Ferne hörten wir den Ruf von Weißbrusttukanen (White-throated toucan, Ramphastos tucanus) und konnten diese hoch oben in einem Baum beobachten. Was für unglaublich tolle Vögel. Ich liebe Tukane.
Unser Kapitän fuhr weiter und bog irgendwann von Rio Tracajá in die überfluteten Kanäle ab.
In der Trockenzeit gab es hier gar kein Wasser. Aktuell war der Pegel rückläufig lag aber noch bei rund 4-6 Metern. Alles was aussah wie ein Busch war also ein Baum. Wir fuhren daher mit dem Boot mitten durch den Regenwald, der zur Trockenzeit nur zu Fuß (wenn überhaupt) erreichbar war.
Wir gelangten in einen weiteren Nebenarm und sahen einen Riesenani (Greater ani, Crotophaga major). Der schwarze, scheue Vogel mit seinem auffallend glänzenden Federkleid kommt vor allem in feuchten Niederungen des nördlichen und zentralen Südamerikas vor.
Hoch oben auf einem Baum entdeckten wir einen weiteren Weißbrusttukan (White-throated toucan, Ramphastos tucanus) und einen Wegebussard (Roadside hawk, Rupornis magnirostris), der sein Gefieder vom kurzen Regenschauer trocknete.
Ebenfalls konnten wir einen Nachtreiher (Black-crowned night heron, Nycticorax nycticorax) und einen Schwefelmaskentyrann (Great kiskadee, Pitangus sulphuratus) erspähen.
Der Schwefelmaskentyrann und der Liktormaskentyrann sehen sich übrigens sehr ählich. Beide Arten weisen das typische, kontrastreiche Gefieder mit braunem Rücken, leuchtend gelbem Bauch und markantem schwarz-weißem Kopfmuster auf. Der Schwefelmaskentyrann ist deutlich größer, kräftiger gebaut und hat einen dicken, kurzen Schnabel. Im Gegensatz dazu ist der Liktormaskentyrann wesentlich schlanker und besitzt einen auffällig längeren, schmaleren Schnabel. Unterscheiden lassen sie sich auch an ihrem Ruf. Der Schwefelmaskentyrann ruft laut und fröhlich „Bem-te-ví“ oder „Kiskadee“, während der Liktormaskentyrann eher leisere, nasale und summende Töne von sich gibt.
Wir fuhren durch den dichten Regenwald auf den Rio Mamori und genossen die Ruhe und das Zwitschern der Vögel. Immer wieder stellte unser Kapitän den Motor ab und ließ das Boot ruhig durchs Wasser gleiten.
Auf den Bäumen oberhalb des Flusses sahen wir weitere Vögel wie den Fischbussard (Black-collared hawk, Busarellus nigricollis), den Marmorreiher (Rufescent tiger-heron, Tigrisoma lineatum) und den farbenfrohen Kappenreiher (Capped heron, Pilherodius pileatus), der seinem Namen auf jeden Fall gerecht wurde. Sein Gefieder ist fast vollkommen weiß gefärbt, nur auf dem Oberkopf befindet sich eine schwarze Kappe. Am Hinterkopf weist er lange weiße Schmuckfedern auf. Sein unbefiedertes Gesicht ist bläulich gefärbt und auch der lange, schlanke Schnabel ist am Ansatz bläulich, wird zur Spitze hin jedoch zunehmend hornfarben bis gelblich. Ein wirklich hübscher Vogel.
Vom Rio Mamori bogen wir wieder ab in eines der überfluteten Gebiete und schipperten mitten durch den Regenwald. Die Vogeldichte war in den Wäldern nicht so hoch, wie an den Flussufern aber ab und an sahen wir ein paar gefiederte Freunde wie den Savannenbussard (Savanna hawk, Buteogallus meridionalis).
Ich freute mich über vor allem über den Kurzschwanzpapagei (Short-tailed parrot, Graydidascalus brachyurus) und den Tuisittich (Tui parakeet, Brotogeris sanctithomae), die mir allerdings beide nur eine Möglichkeit für ein Foto gaben und danach sofort im dichteren Unterholz verschwanden.
Ausdauernder waren die Rohrspötter (oder Rohrspottdrossel; Black-capped donacobius, Donacobius atricapilla), die sich von uns ungestört beobachten und fotografieren ließen.
Eine Palmentangare (Palm tanager, Thraupis palmarum) hoch oben im Baum blickte auf uns hinab. Für ein schönes Foto reichten heute aber weder Licht noch Brennweite des Tele. Aber die Vogel-App hat ihn trotzdem direkt erkannt 😀.
In der Ferne begann es zu grummeln und dunkle Wolken zogen auf. Wir machten uns daher so langsam an den Rückweg.
Erneut sahen wir entlang des Flusses einen Savannenbussard.
Die ersten Regentropfen suchten sich ihren Weg zur Erde und wir hofften, dass wir nicht heute schon komplett durchnässt werden würden.
Zum Glück blieb es allerdings bei ein paar Tropfen und wir konnten auf dem Weg zurück Vögel beobachten. Viele Arten wiederholten sich natürlich, was uns aber nicht minder störte, denn es war immer wieder schön einen Schwefelmaskentyrann, eine Cayenneschwalbe oder eine Schwarzkehltangare zu sehen. Aber war die Freude bei neuen Vogelarten wie dem Amazonasfischer (Amazon kingfisher, Chloroceryle amazona) größer.
Zwischendurch zeigten sich jedoch zur Abwechslung auch mal ein paar braune Kapuzineraffen und ein Braunkehl-Faultier aus der Familie der Dreifinger-Faultiere, über das wir uns natürlich riesig freuten. Auch Marcelinho war ganz aus dem Häuschen, uns das possierliche Tier zeigen zu können.
Die roten Flecken auf dem Rücken sind übrigens keine Verletzung, sondern ein Merkmal der Art. Bei Männchen tritt auf dem Rücken ein orangefarbener Fleck auf, der von einem vertikalen dunklen Streifen geteilt wird. Die Intensität des Farbflecks nimmt mit dem Lebensalter zu.
Wir beobachteten das Braunkehl-Faultier eine Zeitlang und auch das Tier ließ uns nicht aus dem Blick.
In unserem direkten Blickfeld saß erneut eine Schwarzkehltangare, die sich durch ihren leuchtend roten Kopf, den schwarz-weißen Körper und die schwarze Kehle eindeutig zuordnen ließ.
Ein neugieriges Totenkopfäffchen sprang geschickt von Ast zu Ast und ließ kaum Zeit für ein scharfes Foto. Aber eins ist dann doch was geworden.
Wir erblickten eine einsame Mülleramazone (Mealy amazon or Mealy parrot, Amazona farinosa) in einem Baum. Wieder eine neue Sichtung.
Kurz vor dem erreichen der Lodge erblickten wir in einem Nebenarm rosa Amazonasdelfine. Das war natürlich super. Ich hätte nicht gedacht, dass wir die Tiere sehen würden. Unser Kapitän stellte den Motor ab und versuchte die Tiere damit anzulocken. Immer wieder tauchten die Delfine zum Luft holen auf und gaben ein lautes Schnaufgeräusch von sich. Gebannt blickten wir über das Wasser und beobachteten die Tiere. Ein echtes Highlight. Ein Foto allerdings schwierig, da nie absehbar war, wann und wo die Delfine auftauchten.
Das Grummeln des Gewitters wurde lauter und bevor wir doch noch richtig nass wurden, nahmen wir Abschied von den Delfinen. Nicht jedoch, bevor Marcelinho uns eine richtig gut getarnte Echse auf einem Ast gezeigt hatte. Wir brauchten mehrere Anläufe, um das Tier zu erkennen. Tolle Tarnung.
Einen richtigen Sonnenuntergang gab es heute leider nicht. Aber das pastellfarbene Licht und das spiegelglatte Wasser waren traumhaft. Wenngleich die Regenwolken auch bedrohlich näher kamen.
Mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir um 18 Uhr die Lodge und kehrten in unsere Hütte zurück. Wir verabredeten mit Marcelinho den morgendlichen Start um 05:30 Uhr, um auf die Suche nach Vögeln und den Scharlacharas zu gehen.
Wir waren kaum angekommen, da fing es an zu regnen. Ein ordentlicher Schauer ergoss sich über die Lodge.
Um 19 Uhr begaben wir uns zum Abendessen. Da es immer noch in Strömen regnete, zogen wir die Regenjacken über und begaben uns zum Restaurant.
Es gab Nudeln, Reis, Gemüse, Fleisch und frischen Fisch in Buffetform. Das Essen war zwar nur lauwarm aber es schmeckte hervorragend. Insbesondere der besondere Fisch war einfach lecker. Getränke waren bis auf stilles Wasser nicht inkludiert.
Es regnete immer noch und wir beschlossen spontan in der Bar noch einen Caipirinha zu trinken. Wir waren schließlich im Land des Caipis. Und ja, der Caipirinha war wirklich ausgezeichnet. Das Verhältnis von Limette, Alkohol und Eis war perfekt.
Wir ließen den Abend gemütlich beim immer noch heftigen Regenschauer (aber zum Glück kein Gewitter) entspannt ausklingen und begaben uns gegen 21:00 Uhr zurück zu unserer Hütte.
Wir waren gespannt wie lange es noch regnete und ob wir die eigentlich für morgen geplante Wanderung überhaupt machen konnten.
Jetzt hieß es jedoch erstmal beim Prasseln des Regens einzuschlafen und den Geräuschen des Regenwaldes zu lauschen (und später dem Schnarchen des Nachbarn).
